in den fußgängerzonen begegnet man ja immer wieder menschen, die einem so zeugs in die hand drücken wollen: flyer,
prospekte, auch werbezettel genannt, und dergleichen. meistens sind das ja arme studenten, die sich was dazuverdienen müssen – das bafög ist so minimal bemessen. mit armen studenten habe ich
immer mitleid. was die alles machen müssen, um ihre ausbildung zu finanzieren, das ist schlimm. sie verdingen sich als servierkräfte in zwielichtigen spelunken, am fließband bei erasco und stehen
in merkwürdigen gelben hühner- oder hellbraunen sandwichkostümen irgendwo rum und verteilen mies bedruckte zettel, auf denen wir erfahren, dass hühner oder sandwiches nichts und absolut nichts
schöner finden, als jetzt gleich gekauft und sofort gegessen zu werden – der laden ist selbstverständlich gleich um die ecke. bei sandwiches kann ich das ja noch glauben, aber ich kenne kein
huhn, das um die eigene zubereitung bettelt.
heute hier in berlin, kenne ich natürlich keine lebenden hühner mehr persönlich. alle hühner in meiner küche sind bereits tot. aber früher, als ich noch zur grundschule in schönböcken ging, war meine beste freundin michaela. michaela war die jüngste tochter von bauer wulf und nach der schule trafen wir uns zum spielen immer bei ihr. auf dem hof war es natürlich um längen spannender als bei mir zu haus. es gab rapsfelder, einen riesigen stinkenden misthaufen, schweine und natürlich hühner. die liefen frei herum und waren deswegen glücklich, wie ich viel später im zuge der aufklärung um die biofeindliche aufzucht des viehs im allgemeinen und kleinviehs im besonderen erfuhr und die bäuerin, michaelas mutter, trug uns auf, die frisch gelegten eier einzusammeln. die glücklichen aber ungemein blöden hühner legten im sommer ihre eier natürlich irgendwo im gelände ab, so dass wir stunden damit zubrachten, die scheißeier zu finden. das passte mir überhaupt nicht, weil ich ja viel lieber als robin hood im rapsfeld unterwegs war. damals gab ich mich ganz unserer robin-hood-sache hin und fischte mit selbstgebauten angeln im teich nach entenflott, um die versorgung der vom sheriff von nottingham gebranntemarkten gesetzeslosen zu sichern. später erkannte ich, dass offenbar nicht alle über diese möglichkeiten verfügten und sich als verkleidete hühner verdingen mussten, um etwas essbareres als entenflott nach hause zu bringen.
trotzdem fand ich das immer irgendwie merkwürdig, wie man in so ein gefiedertes ding steigen konnte, um diese doofen
zettel an wildfremde menschen zu verteilen. im schlimmsten fall steht einem ja jemand gegenüber, den man kennt - und der einen auch erkennt. gibt es etwas erniedrigenderes?
jawoll. es gibt grinsende junge menschen, die einem ein bücherstapel in die hand drücken wollen. ich bin ja total versessen auf bücher und vor ein paar jahren bin ich – obwohl ich schon lang sehr
erfolgreich jegliches werbezettelzugestecke, zeitungsabonniere und unterschriftensammeln-für-die-rechte-der-ich-krauch-auch-mal-so-rum-auf-diesem-planeten vermied – mal so einem
bücherstapeltragenden jungen mann in die falle gegangen. das ging so: er: hey, liest du gern? ich: klar! und griff zu. gaaaanz doooof von mir. der typ laberte gleich los und ich stellte erstens
fest: der typ grinste ununterbrochen und wurde endlich misstrauisch – das is is ja auch nicht normal, diese rumgegrinse. zweitens stellte ich rasch fest: in den bücher standen hirnige sachen wie:
die erde ist eine scheibe, bäume haben eine seele, was sie durch - für das menschliche ohr natürlich nicht hörbaren - singsang zelebrieren und gott trifft sich gern mal auf ne runde mikado
mit dem dalai lama. dieser offensichtlich durch die aktuell sehr vielfältigen religiösen möglichkeiten verwirrte junge mann erklärte mir, dass ich mich auch mal auf ne runde mikado mit den beiden
herren treffen könnte, während ich dem singsang der bäume lausche und auf einer scheibe hocke – ich müsste natürlich auf jeden fall die bücher lesen und – viel wichtiger - einem eigentümlichen
verein beitreten ... naja, das war nix für mich – ich persönlich lebte schon damals auf einem blauen rund, spiele bis heute nicht gern mikado, halte gott für eine schlaue erfindung und den dalai
lama für einen gesetzten herrn mit einer vorliebe für orangegelb und dicken hornbrillen. trotzdem hatte ich seinerzeit mühe den jungen mann los zu werden und fand, dass ich dem typen
vollhorstmäßig auf den leim gegangen war: wer verschenkt schon einfach so ein paar gute bücher? richtig. niemand.
doch man trifft sich ja immer zweimal im leben .... und sonst auch.
am letzten samstag war ich shoppen in lübeck und ging die breite straße (das ist die fußgängerzone in lübeck) entlang
mit kurs auf karstadt und wie es der göttliche oder auch baummäßige singsangzufall so wollte, traf ich auf einen jungen mann mit einem stapel bücher in der hand. das war natürlich ein anderer als
seinerzeit und ich wollte ausweichen – ich leg es ja auch nicht drauf an – aber das ausweichmanöver misslang -samstag, shopping, ganz lübeck auf den beinen - es war voll. er: hey! kommst du von
hier? an sich schon mal ein blöder satz, straf verschärfend heftete sich sein blick auf meine linke brust. v ö l l i g f a l s c h e t a k t i k.
da waren wir nun, jahre später; er und der bücherstapel, ich und meine linke brust. und ich wollte wissen: wer ist jetzt hier der vollhorst, du dusselige testosterongesteuerte flitzpiepe? also
antwortete ich im weitergehen: ja, ich komm von hier. er hartnäckig meiner linken brust zugewandt: ich hab was für dich. ich, stellvertretend für meine linke brust, die ja nicht sprechen
kann: so so. er: bleib doch mal stehen! woraufhin ich nur die eine antwort hatte: sobald die erde wieder eine scheibe ist.
bis es soweit ist, könnte man aber wirklich mal gute bücher an orientierungslose junge menschen verschenken, damit die sich nicht von irgendwelchen geschäftstüchtigen idioten in den
fußgängerzonen dieser republik zum vollhorst machen lassen.
in diesem sinne meine literaturempfehlung: slam a rama präsentiert: der poetry slam im filmhaus lübeck – sommernachts
slam – samstag, 12. juli 2008 - ich bin da!
euch allen eine schöne woche!
anja
ich war am letzten
wochenende in lübeck und habe natürlich nicht nur faul rumgelegen, sondern ich hab auch was gemacht: eine bootsfahrt mit erläuterungen und mutti.

gestern war ich in der deutschen oper und habe mir das
ballet „dornröschen“ angeschaut. ich schau mir gern frauen in tütüs und männer in strumpfhosen an, das entspannt mich. meistens fahre ich direkt vom büro aus, wie gestern auch. leider war es
sehr, sehr warm in berlin und mir liefen schon vormittags die schweißperlen den rücken herunter. gegen 14 uhr hatte ich dann eigentlich auch keine lust mehr mich abends völlig verschwitzt unter
das berliner balletpublikum zu mischen. aber ich hatte die eintrittskarte schon gekauft und konnte sie nicht mehr zurückgeben.


dank an dieser stelle an bebi - die
frau der ersten blog-stunde!!